Verhaltensvorschriften in alten „Manierenbüchern“

Tatsächlich haben sich die Manieren und Benimm-Regeln in den vergangenen Jahrhunderten ziemlich verändert. Erstaunlich, was in früheren Zeiten zum guten Ton gehörte und erlaubt war…

Manieren Ende 15.Jahrhundert

Teilst du das Bett mit einem Mann höheren Standes, frage ihn, welche Seite er vorzieht.
Lieg gerade im Bett und biete ihm gute Nacht.

Erasmus v. Rotterdam „Über Knabenerziehung“ 1530

Reinige und schneide dir die Nägel, der Schmutz ist beim Kratzen gefährlich.

Was du im Munde gehabt hast, lege nicht in die gemeinsame Schüssel zurück.

Biete nicht jemandem von dem Stück an, von dem du abgebissen hast.

Sitzt du mit Menschen von Rang zu Tisch, nimm den Hut ab, aber sieh, daß du gut gekämmt bist.

Manche greifen, sowie sie sitzen, auf die Schüsseln. Wölfe tun das.

Die Finger in die Sauce zu tauchen ist bäurisch.

Die fettigen Finger abzulecken oder am Rock abzuwischen, ist unzivilisiert. Man nimmt dazu besser das Tischtuch oder die Serviette.

Verschiedene Anweisungen von Erasmus v. Rotterdam

Bevor du dich zu Tisch setzt, sieh nach, ob dein Sitz nicht verunreinigt ist.

Grif ouch niht mit blozer hant dir selben under din gewant.

Es ist unhöflich, jemanden zu grüßen, der gerade uriniert oder den Darm entleert.

Ein wohlerzogener Mensch soll sich nie dazu hergeben, die Glieder, mit denen die Natur das Gefühl der Scham verband, ohne Notwendigkeit zu entblößen. Wenn die Notwendigkeit dazu zwingt, muß man es mit Dezenz und Reserve tun, selbst dann, wenn kein Zeuge zugegen ist.

Wenn die Winde beim Entweichen kein Geräusch machen, ist es am besten. Es ist aber gesünder, sie mit Geräusch entweichen zu lassen, als sie unter Zwang zurückzuhalten. Es ist nämlich gefährlich und kann Krankheiten auslösen, sie zurückzuhalten.

Schneuz nicht die Nase mit der gleichen Hand, mit der du das Fleisch hältst.

Wenn etwas aus der Nase auf den Boden fällt, muß man es mit dem Fuß sofort zertreten.

Wenn du ausspuckst, wende dich ab.

„Galateo“ des Erzbischofs von Benevent, 1558

Es gehöret sich auch nicht, wenn du die nase gewischt hast, daß du das schnupftuch auseinander ziehest und hineinguckst, gleich als ob dir perlen und rubinen von gehirn abfallen mögen.

Über das stehet es einem sittsamen, erbahrn mensch nicht an, daß er sich zu natürlicher notdurft in anderer Leute gegenwertigkeit rüste und vorbereite oder nachdem er solches verrichtet, sich in ihrer gegenwertigkeit wiederum nestele und bekleide. So wird auch ein solcher nach seiner aus heimlichen orten wiederkunft für ehrliche gesellschaft die hände nicht waschen, nach dem die ursache darumb er sich wäschet der leut gedancken eine unfläterey für die augen stellt. Ist auch eben umb derselbigen ursach willen keine feine gewohnheit, wenn einem auf der gassen etwas abscheuliches, wie es sich wol bisweilen zuträgt, fürkommet, sich seinem Begleiter zuzuwenden und ihn darauf aufmerksam zu machen.

Gute Manieren aus einer Hofordnung von 1570

Daß nicht männiglich und ohn all scheu, dem bauern gleich, die nicht zu Hofe oder bei einigen ehrbaren, züchtigen Leuten gewesen, vor das Frauenzimmer, Hofstuben und anderer Gemach Thüren oder Fenster seine Nothdurft ausrichte, sondern in jeder sich jederzeit und -ort vernünftiger, züchtiger und ehrerbietiger Wort und Geberde erzeige und verhalte.

Italienisches Manieren-Buch 1558, deutsche Übersetzung 1609

„Was meynstu würde dieser bischof und seine edle gesellschaft denen gesagt haben, die wir bisweilen sehen wie die säue mit dem rüssel in der suppen liegen, ihr gesicht nit einmal aufheben und ihre augen, viel weniger die hände nimmermehr von den speisen abwenden, die alle beide backen aufblasen wolten, die nit essen, sondern fressen und die kost einschlingen, die ihre hände bey nahe bis an den ellenbogen beschmutzen und demnach die servietten also richten, daß unflätige küchen- oder wischlumpen viel reiner sein möchten. Dennoch schämen sich solche unfläter nit mit solchen besudelten servietten ohn unterlaß den schweiß abzuwischen (der dann wegen ihres eilenden und übermäßigen fressens von ihrem haupt über die stirn und das angesicht bis auff den hals häufig herunter trüpffet) ja wol auch die nase so offt es inen gelicht darin zu schneutzen.“

Wernigerodische Hofverrichtung, 1570

„Daß nit männiglich also unverschämt und ohne alle Scheu, den Bauern gleich, die nit zu Hof oder bei einigen ehrbaren, züchtigen Leuten gewesen, vor das frauenzimmer, Hofstuben und anderer Gemach Thüren oder Fenster seine Notdurft ausrichte…“

Und auch noch 1672 benahm man sich anders als heute

Früher war es erlaubt, vor hochgestellten Personen auf den Boden zu spucken; es genügte den Fuß darauf zu setzen. Heute ist das eine Unanständigkeit.

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